Der Regen | Der Beitrag zum Song "Die Arme" von Löven

pixabay | Jan Mallander
Ich habe gesehen, wie sich etwas im Stillen zusammenbraute. Groß wurde. Schwer wog. So wahnsinnig schwer, dass es mich zu Boden drückte. Aber es war noch nicht so weit - ich war beschäftigt.
Wenn es schwül und drückend wird, weiß man, dass das Unwetter kommen wird, aber solange man noch irgendwo in der Ferne das Zwitschern der Vögel hört, macht man weiter. Wenn die Tiere, dem Fluchtinstinkt noch nicht folgen, zwingt man sich zur Furchtlosigkeit. Versucht das zu beenden, was man angefangen hat.
Weiter, immer weiter musste ich und auch wenn jeder Schritt unter der Last, die die Arbeit mit sich brachte und die ich mir selbst aufgebürdet hatte, schwerer wurde, zwang ich mich, ihn zu gehen. Dann den nächsten. Und noch einen.

Anfangs war da nur eine einzelne, wattig-weiche Wolke an einem blauen Junihimmel. Der leichteste Frühsommerwind hätte sie davongetragen, doch er setzte nicht ein. Es blieb windstill für ein paar Tage, dann Wochen und dann geschah etwas Seltsames. Als ich wieder einmal zu der Wolke hochblickte, hing sie in Fetzen über meinem Kopf, und als ich genauer hinsah, erkannte ich darin Gesichter. Hässliche Fratzen, die mir Angst machen. Also sah ich weg.

Ohne hinzusehen bemerkte ich, wie sich die Wolke langsam verformte. Es muss der Wind gewesen sein, aber ich spürte ihn nicht. Noch immer hing die schwüle, drückende Hitze über mir. Sie umgab mich wie Watte. Dumpf und langsam erschien mir jede meiner Bewegungen, und während ich weiter meiner Arbeit nachging fühlte ich, wie mir etwas über den Nacken strich. Erschrocken drehte ich mich um, doch da war nichts. Verängstigt sah ich zu der Wolke, ein Stück von ihr sah aus wie eine Hand, die nach mir zu greifen schien. Die Hitze wurde unerträglich. Beklemmend, sodass mir fast der Atem stockte. Die Augen brannten vom Salz des Schweißes. Doch es war noch nicht Zeit aufzuhören. Ich wollte es beenden. Nicht aufgeben. Nicht jetzt.

Der Himmel veränderte sich, er war farblos geworden und blieb dabei doch gleißend, sodass mir die Augen stachen, als ich ihn nach der Sonne absuchte. Sie war da. Sie musste da sein. Es war Tag. Aber ich sah sie nicht. Nach und nach vergaß ich sie. Wie sie mich von außen nach innen wärmte, und als ich den letzten Gedanken an die Sonne zu Ende gedacht hatte, zog ein immer dichterer Nebel über dem Garten auf. Die leuchtenden Farben der Blüten wurden immer blasser. Vielleicht waren es meine Augen, die die Farben nicht mehr sehen konnten. Vielleicht hatten aber auch die Blumen bereits die Sonne vergessen. Schließlich sah alles grau aus. Die Angst kroch vom Boden in meine Füße, meine Beine entlang, erreichte meinen Rücken und zog sich bis in meine Schultern, sodass ich das Gleichgewicht zu verlieren drohte. So weit war ich gekommen. Hier abzubrechen, wäre dem Aufgeben gleichgekommen.


In der Ferne hörte ich das mahlende Geräusch des Donners, der auf mich zu rollte und ich fürchtete ihn, als sei er mein Feind. Ich hielt inne, sah von meiner Arbeit auf. Ich spürte meinen Herzschlag pochend und stechend in den Ohren. Meine Schläfen pulsierten. Ob ich geatmet habe, weiß ich nicht. Es muss wohl so sein. Und dann stand ich auf und lief, bis ich die kleine Anhöhe erreichte, von der aus ich weit über das vor mir liegende Tal blicken konnte. Ich konnte die Blitze sehen, die dem Donner vorauseilten. Dann setzte der Regen ein. Große, schwere Tropfen schlugen auf den Blättern der mich umgebenden Bäume auf. Ich schloss die Augen und ergab mich dem Wasser, das über meine Haare und meine Stirn perlte, bis die Tropfen meine Augenhöhlen erreichten und mein Gesicht kühlten.


Der Regen entstand im Juni 2015 als Beitrag für die Plattform www.fischundfleisch.com. Er ist eine Metapher und war damals auch eine Inszenierung aus dem geschriebenen Wort und dem Leben - ich habe ihn geschrieben und einige Tage liegengelassen. Es war eine drückend-schwüle Sommerwoche. Sehnsüchtig warteten alle WienerInnen auf die Abkühlung, den Wolkenbruch. Und als er kam, habe ich den Beitrag veröffentlicht. Manche lesen aus ihm ein stimmungsvolles Bild zum Wetter - und das passt. Und andere lesen noch mehr aus dem Beitrag - und auch das passt.
Das Bild, das dieser Beitrag skizziert, war Teil der Inspiration für einen Song der Band Löven. Hier ein kurzes Snippet aus dem Song.

Share:

0 Kommentare